Die Trierer von Lubumbashi
Zu Gast bei einer afrikanischen Familie mit Faible für Deutschland
Manchmal ist es wie in Deutschland:
Dann steht eine Schüssel
Spaghetti auf dem Esstisch und
es gibt Hackfleisch-Soße und Reibekäse.
Doch Nudeln und Käse sind teure
Importprodukte – die Familie von
Marie-Belle Binelli und Musewa M'Bayo
lebt in Afrika, in Lubumbashi, der
zweitgrößten Stadt der Demokratischen
Republik Kongo. In der Innenstadt
betreibt Musewa M'Bayo einen Copyshop.
Autos hupen auf der Straße, und hinter
der Schaufensterscheibe klackern die
Kopierer. Blatt für Blatt spucken sie die
Papierbögen aus. Die Kunden warten
hinter einer Theke, Angestellte bedienen
die Kopierer. Selbstbedienung gibt
es im Copyshop von M'Bayo nicht; zu
groß ist das Risiko, dass die Kunden
etwas beschädigen könnten.
Musewa M'Bayo steigt eine Treppe
hoch, zu seinem Büro. Auf einem
Videoschirm sieht er den Laden. Er
lehnt sich in seinem Schreibtischsessel
zurück. Und er erzählt, wie er das
Geschäft aufgebaut hat.
Die Kopierer kommen aus Trier. Musewa
M’Bayo hat sie von der Firma GHS
Fax- und Kopiersysteme gekauft. 15 000
Mark lieh er sich vor acht Jahren für die
ersten Geräte von der Sparkasse Trier. In
den folgenden Jahren bestellte er neue
Geräte – doch zwei Kopierer aus der
ersten Lieferung stehen noch in seinem
Geschäft in Lubumbashi.
Goldgräberstimmung in der Stadt
In Lubumbashi herrscht Goldgräberstimmung.
Gegraben wird aber nicht
nach Gold, sondern nach Kupfer. Da
sich der Preis dafür innerhalb weniger
Jahre fast verdreifacht hat, ist die
Produktion ein lukratives Geschäft.
Der Verkehr in der Innenstadt von
Lubumbashi ist ein ziemliches Durcheinander.
Marie-Belle Binelli sitzt am
Steuer eines alten Nissan-Geländewagens.
Sie fährt zu „Megastore“, einem
der beiden Supermärkte nach europäischem
Vorbild. Im Laden nimmt sie ein
Glas Nutella aus dem Regal – und stellt
es gleich wieder zurück. Fast zehn
Dollar soll es kosten; da wartet sie lieber,
bis jemand aus Deutschland etwas
mitbringt. In einem anderen Geschäft
kauft sie Kerzen – zur Beleuchtung,
wenn es mal wieder kein Licht gibt.
Tatsächlich fällt am Abend der Strom
aus – wie so oft in der Regenzeit. Mit
dem Handy ruft Marie-Belle Binelli
ihren Mann an, der noch arbeitet. Im
Geschäft steht ein Stromerzeuger –
wenn er den mitbringt, kann sie im
Fernsehen wenigstens die zweite Hälfte
ihrer Lieblingsserie „Beverly Hills
90210“ sehen. Doch erst einmal sitzt sie
auf dem Sofa vor dem dunklen Fernseher.
Der tropische Regen hämmert aufs
Wellblechdach. „Willkommen in Afrika“,
sagt sie.
Marie-Belle Binelli ist in der Schweiz
und in Deutschland aufgewachsen. Sie
stammt aber aus Kamerun. In Trier ist
sie zur Schule gegangen und hat an der
Fachhochschule Lebensmittelchemie
studiert. In Trier hat sie auch 1992
Musewa M’Bayo kennen gelernt. Er
arbeitete an der Universität an seiner
Dissertation im Fach Betriebswirtschaftslehre.
Vor acht Jahren zogen die
beiden in M'Bayos Heimatstadt Lubumbashi.
Dort heirateten sie und haben
inzwischen drei Kinder. Doch der
Kontakt nach Deutschland ist geblieben:
Musewa M'Bayo kommt mehrmals
im Jahr nach Trier, um für seine Firma
einzukaufen – und um an der Universität
am Institut für Arbeitsrecht und
Arbeitsbeziehungen in der Europäischen
Gemeinschaft (IAAEG) zu recherchieren.
Denn außer, dass er sein
Geschäft aufgebaut hat, hat er Karriere
an der „Université de Lubumbashi“
gemacht: Inzwischen ist er Professor für
Betriebswirtschaftslehre.
Der Tag beginnt um vier Uhr
Die Universität Lubumbashi ist eine der
größten Hochschulen im Kongo. Trotzdem
fehlt es ihr an Geld für eine gute
Ausstattung. Im Hörsaal der wirtschaftswissenschaftlichen
Fakultät etwa stehen
Holzbänke. Das Dach ist mit
Wellblech gedeckt, und hinter dem
Katheder hängt eine Tafel an der Wand.
Vor der Tafel steht Musewa M'Bayo, auf
den Bänken quetschen sich fast 200
Studenten. M'Bayo erklärt, wie Unternehmen
auf Veränderungen am Markt
reagieren können. „Schreiben Sie“, sagt
er. Die Einwegkugelschreiber der Studenten
senken sich auf die Notizblocks,
und M'Bayo diktiert.
Damit er die Arbeit als Professor und als
Copyshop-Betreiber bewältigen kann,
steht Musewa M'Bayo jeden Morgen um
vier Uhr auf. Die Vormittage verbringt
er an der Universität, die Nachmittage
im Geschäft. Doch am Sonntag ist er für
seine Familie da. Dann nehmen die fünf
Familienmitglieder im Lieferwagen
vom Copyshop Platz, und es beginnt
eine Tour durch die Stadt. Als erstes
steuert die Familie das Marktviertel an.
Zwiebeln türmen sich auf den Tüchern,
die die Händler auf dem staubigen
Boden ausgebreitet haben, Kartoffeln,
Orangen und Bananen. Musewa
M’Bayo aber kauft eine afrikanische
Spezialität: Getrocknete Raupen. „Die
koche ich nachher“, sagt er – und lacht.
Wolfgang Lenders
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