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  Wolfgang Lenders, Freier Journalist in Leipzig

Trierischer Volksfreund, 24. Februar 2007
 

Die Trierer von Lubumbashi

Zu Gast bei einer afrikanischen Familie mit Faible für Deutschland

Manchmal ist es wie in Deutschland: Dann steht eine Schüssel Spaghetti auf dem Esstisch und es gibt Hackfleisch-Soße und Reibekäse. Doch Nudeln und Käse sind teure Importprodukte – die Familie von Marie-Belle Binelli und Musewa M'Bayo lebt in Afrika, in Lubumbashi, der zweitgrößten Stadt der Demokratischen Republik Kongo. In der Innenstadt betreibt Musewa M'Bayo einen Copyshop. Autos hupen auf der Straße, und hinter der Schaufensterscheibe klackern die Kopierer. Blatt für Blatt spucken sie die Papierbögen aus. Die Kunden warten hinter einer Theke, Angestellte bedienen die Kopierer. Selbstbedienung gibt es im Copyshop von M'Bayo nicht; zu groß ist das Risiko, dass die Kunden etwas beschädigen könnten.

Musewa M'Bayo steigt eine Treppe hoch, zu seinem Büro. Auf einem Videoschirm sieht er den Laden. Er lehnt sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Und er erzählt, wie er das Geschäft aufgebaut hat.

Die Kopierer kommen aus Trier. Musewa M’Bayo hat sie von der Firma GHS Fax- und Kopiersysteme gekauft. 15 000 Mark lieh er sich vor acht Jahren für die ersten Geräte von der Sparkasse Trier. In den folgenden Jahren bestellte er neue Geräte – doch zwei Kopierer aus der ersten Lieferung stehen noch in seinem Geschäft in Lubumbashi.

Goldgräberstimmung in der Stadt

In Lubumbashi herrscht Goldgräberstimmung. Gegraben wird aber nicht nach Gold, sondern nach Kupfer. Da sich der Preis dafür innerhalb weniger Jahre fast verdreifacht hat, ist die Produktion ein lukratives Geschäft.

Der Verkehr in der Innenstadt von Lubumbashi ist ein ziemliches Durcheinander. Marie-Belle Binelli sitzt am Steuer eines alten Nissan-Geländewagens. Sie fährt zu „Megastore“, einem der beiden Supermärkte nach europäischem Vorbild. Im Laden nimmt sie ein Glas Nutella aus dem Regal – und stellt es gleich wieder zurück. Fast zehn Dollar soll es kosten; da wartet sie lieber, bis jemand aus Deutschland etwas mitbringt. In einem anderen Geschäft kauft sie Kerzen – zur Beleuchtung, wenn es mal wieder kein Licht gibt.

Tatsächlich fällt am Abend der Strom aus – wie so oft in der Regenzeit. Mit dem Handy ruft Marie-Belle Binelli ihren Mann an, der noch arbeitet. Im Geschäft steht ein Stromerzeuger – wenn er den mitbringt, kann sie im Fernsehen wenigstens die zweite Hälfte ihrer Lieblingsserie „Beverly Hills 90210“ sehen. Doch erst einmal sitzt sie auf dem Sofa vor dem dunklen Fernseher. Der tropische Regen hämmert aufs Wellblechdach. „Willkommen in Afrika“, sagt sie.

Marie-Belle Binelli ist in der Schweiz und in Deutschland aufgewachsen. Sie stammt aber aus Kamerun. In Trier ist sie zur Schule gegangen und hat an der Fachhochschule Lebensmittelchemie studiert. In Trier hat sie auch 1992 Musewa M’Bayo kennen gelernt. Er arbeitete an der Universität an seiner Dissertation im Fach Betriebswirtschaftslehre. Vor acht Jahren zogen die beiden in M'Bayos Heimatstadt Lubumbashi. Dort heirateten sie und haben inzwischen drei Kinder. Doch der Kontakt nach Deutschland ist geblieben: Musewa M'Bayo kommt mehrmals im Jahr nach Trier, um für seine Firma einzukaufen – und um an der Universität am Institut für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen in der Europäischen Gemeinschaft (IAAEG) zu recherchieren. Denn außer, dass er sein Geschäft aufgebaut hat, hat er Karriere an der „Université de Lubumbashi“ gemacht: Inzwischen ist er Professor für Betriebswirtschaftslehre.

Der Tag beginnt um vier Uhr

Die Universität Lubumbashi ist eine der größten Hochschulen im Kongo. Trotzdem fehlt es ihr an Geld für eine gute Ausstattung. Im Hörsaal der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät etwa stehen Holzbänke. Das Dach ist mit Wellblech gedeckt, und hinter dem Katheder hängt eine Tafel an der Wand. Vor der Tafel steht Musewa M'Bayo, auf den Bänken quetschen sich fast 200 Studenten. M'Bayo erklärt, wie Unternehmen auf Veränderungen am Markt reagieren können. „Schreiben Sie“, sagt er. Die Einwegkugelschreiber der Studenten senken sich auf die Notizblocks, und M'Bayo diktiert.

Damit er die Arbeit als Professor und als Copyshop-Betreiber bewältigen kann, steht Musewa M'Bayo jeden Morgen um vier Uhr auf. Die Vormittage verbringt er an der Universität, die Nachmittage im Geschäft. Doch am Sonntag ist er für seine Familie da. Dann nehmen die fünf Familienmitglieder im Lieferwagen vom Copyshop Platz, und es beginnt eine Tour durch die Stadt. Als erstes steuert die Familie das Marktviertel an. Zwiebeln türmen sich auf den Tüchern, die die Händler auf dem staubigen Boden ausgebreitet haben, Kartoffeln, Orangen und Bananen. Musewa M’Bayo aber kauft eine afrikanische Spezialität: Getrocknete Raupen. „Die koche ich nachher“, sagt er – und lacht.

Wolfgang Lenders

 

 

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