Ausbildung
Mit Hemd, Krawatte und Feingefühl
Wenn die Azubis den Chef vertreten, geht es im Kaufland in Hermeskeil ein bisschen jugendlicher zu – aber nicht weniger streng
Von unserem Redaktionsmitglied
WOLFGANG LENDERS
HERMESKEIL. Die einen geben
Befehle, und die anderen
führen sie aus. Doch eigentlich
sind alle gleich: Vier Wochen
lang haben Auszubildende
den Kaufland-Markt in
Hermeskeil geführt.
Manchmal versteht Jimmy Neron
die Kunden nicht. Er hält
zwei Tüten tief gelber Bananen
in der Hand. „So schmecken sie
doch am Besten.“ Aber die
Kunden wollen grüne Bananen,
und so wirft er die reifen, süß
riechenden Früchte achselzuckend
in die Abfallkiste.
Jimmy Neron ist Profi für Obst
und Gemüse. Der Azubi arbeitet
für einen Monat als Abteilungsleiter
bei Kaufland in Hermeskeil.
Seit 5 Uhr räumt er die
Obst- und Gemüseabteilung
ein.
Die Pfirsiche sind heute nicht
gut. Körbchen für Körbchen
hebt Neron an. Schimmert an
der Unterseite der Saft von
matschigen Früchten, fliegt die
Packung raus. Schließlich soll
alles in Ordnung sein, wenn um
sieben die Chefs kommen.
Pop-Musik dudelt aus den Lautsprechern,
unterbrochen von
Werbedurchsagen. „Morgen!“
Stefanie Baumanns Stimme
übertönt die Musik im Geschäft.
Baumann trägt Hemd und Krawatte,
wie es sich für Chefs
gehört. Die Krawatte ist lose
gebunden, über dem zu weiten
Hemd hängt ein weißes Jäckchen.
Auch sie ist Auszubildende
– und für vier Wochen
Hausleiterin, gemeinsam mit
zwei anderen Azubis.
Die drei Chefs begutachten Obst
und Gemüse. Die Äpfel glänzen im
Licht der Neonröhren. Frucht für
Frucht nimmt Baumann in die
Hand, tastet und drückt vorsichtig.
Ihr Kollege Oliver Baselt, korrekt
mit Anzug und Krawatte bekleidet,
hat sich den Pfirsichen zugewandt.
„Jimmy, komm mal her, was ist das
denn?“, sagt er. Er hat einen
matschigen Pfirsich entdeckt.
„Wie sieht’s denn hier aus?“ Baumann
steht inzwischen auf der
Laderampe. Aus den Müllcontainern
steigt ein fauliger Geruch auf.
Sie wendet sich an den Leiter des
Lagers: „Lass mal jemanden hier
sauber machen.“ Der widerspricht.
Doch Chefin ist Chefin. „Ich muss
mal kurz die Tür zu machen“, sagt
Baumann. Für ein paar Minuten
lässt sich das Geschehen im Kontrollraum
an der Laderampe nur
erahnen.
Normalerweise sei es kein Problem,
Anweisungen zu erteilen,
sagt sie später im Büro. „Ich bin
halt Hausleiterin, weil ich besser
weiß, worauf es ankommt.“ Sie hat
in wenigen Tagen ihre Abschlussprüfung,
danach bleibt sie bei
Kaufland – mit einem unbefristeten
Vertrag, zunächst als Abteilungsleiterin
für Molkereiprodukte
in Schwalmstadt. In einigen Jahren
würde sie gerne als Projektleiterin
arbeiten – neue Märkte
aufbauen und Übernahmen abwickeln,
alle paar Monate an einem
anderen Standort.
Doch genug der Zukunftspläne.
„Kommt, Frühstück!“, ruft Baumann.
In der Cafeteria gibt’s
Nutellabrötchen und Cola. Auch
hier dudelt Musik aus den Lautsprechern.
Die Hausleiter haben
einen Tisch für sich. Einige Meter
weiter sitzt Jimmy Neron mit
seinen Kollegen aus der Gemüseabteilung
– zu weit entfernt, um
mit den Hausleitern ins Gespräch
zu kommen.
Die Frühstückspause ist zu Ende,
die Chefs müssen ihren Repräsentationspflichten
nachkommen. Eine
Klasse der Berufsschule besucht
das Azubi-Projekt. „Kommt, wir
gehen in den Aufenthaltsraum, da
können wir rauchen“, sagt Baumann
nach der Führung durch
den Laden. Sie steckt sich eine
Zigarette an und lehnt sich auf
ihrem Stuhl zurück. Eine Berufsschülerin
hat Fragen vorbereitet
und liest sie von Karteikarten ab:
„Was dürft ihr hier im Geschäft
machen?“ Baumann richtet sich
auf und bläst eine Rauchwolke in
die Luft. „Alles“, sagt sie. „Der
normale Hausleiter ist da, er darf
uns aber höchstens Tipps geben.
Die brauchen wir nicht zu befolgen.“
Wie sich der Umsatz entwickelt
hat, ist die nächste Frage. Die
Antwort hat die Hausleiterin auf
Zeit sofort parat: „Fünf Prozent
mehr als im Vorjahresmonat.“
Die Pfirsiche machen Jimmy Neron
immer noch Sorgen. Gerade
hat er zwei weitere tropfende
Packungen weggeschmissen, mehr
als 30 Körbchen insgesamt schon.
Muss alles abgeschrieben werden.
Doch Pfirsiche hin oder her, jetzt
geht er erst mal essen. Sein Kumpel
Adnan Terzic aus der Obst- und
Gemüseabteilung kommt mit. Bei
Putensteak in Currysauce dreht
sich das Gespräch um den Vorabend.
Da haben sie gefeiert – in
Kell am See, wo sie in Ferienhäusern
untergebracht sind. Es ist spät
geworden – und irgendwann haben
sich alle gegenseitig ins Wasser
geschubst. „Bei Kaufland sind alle
gleich. Party, Party, Party – aber die
Abteilung steht“, sagt Neron.
„Abartig, ist das langsam!“ Stefanie
Baumann sitzt im Hausleiter-Büro
am Computer – und der funktioniert
nicht so, wie sie es gern hätte.
Baumann schaut sich die Abschreibungen
der Woche an. „Nur
0,42 Prozent bei Molkereiprodukten,
das ist gut“, sagt sie.
Die Pfirsiche sind wirklich nicht
gut. 36 Packungen hat Jimmy
Neron inzwischen in die stinkende
Mülltonne geworfen. Nun steht
die Bestellung für morgen an.
„Bananen“, fragt er Adnan Terzic,
„fünf Kisten?“ „Drei“ sagt der.
„Nehmen wir mal vier“, entscheidet
Neron. So gehen die
beiden alle Artikel durch – und
dann hat Neron Feierabend. Er
fährt nach Hause, nach Trier,
zum Lernen. In drei Tagen ist
mündliche Prüfung.
Stefanie Baumann bleibt bei
den anderen in Kell am See. Mit
ihren Mitbewohnerinnen, die
ihr tagsüber untergeordnet sind,
sitzt sie am Tisch und beißt wie
die anderen in ein rot glänzendes
Stück Wassermelone. Chefin
ist sie nur im Geschäft, nicht
hier im Haus.
Im Garten feiert einer der Azubis
seine Abschlussprüfung. Die
Sektgläser klirren. „Asti Neirano
– für 3,29 aus dem Kaufland in
Hermeskeil“, sagt einer aus der
Gruppe. Es hört sich an wie die
Lautsprecherdurchsage im Laden.
Hintergrund
Vier Wochen lang haben 93
Auszubildende aus sieben Bundesländern
den Kaufland-Markt
in Hermeskeil geführt. Sie mussten
alle Positionen in dem
Geschäft besetzen – von der
Kasse bis zur Hausleitung. Mit
dem bundesweit einmaligen
Projekt will die Firma ihre
Auszubildenden auf künftige
Führungsaufgaben vorbereiten.
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